Dieses Bild ist eines der sieben Ölbilder auf der Rückwand des Annenaltars im oberen Chorraum der Kirche St. Mariae Geburt. Alle diese Darstellungen orientieren sich an der Kindheitsgeschichte nach dem Evangelisten Lukas. Im rechten Bild der mittleren Reihe wird die Weihe des Kindes im Tempel gezeigt. Die Eltern haben – wie es dem jüdischen Brauch entsprach – ihr erstgeborenes Kind im Tempel weihen lassen.
Dort begegnen sie dem prophetischen Simeon, der hoffnungsvoll auf den Messias wartete. Maria, in ein weißes Kleid gehüllt, reicht ihm das Kind. Simeon, wie ein Priester gekleidet und mit einer jüdischen Kappe dargestellt, breitet die Arme aus, um das Kind gleich in Empfang zu nehmen. In dem Moment, als ihm das Kind gereicht wird, erkennt er, dass sich die Verheißung des Heiligen Geistes in diesem Kind erfüllt hat (Lk 2,26). Tief bewegt ruft er aus: „Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden … denn meine Augen haben das Heil geschaut, das du geschaffen hast, damit alle Völker es sehen: ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und eine Verherrlichung deines Volkes Israel“ (Lk 2,29 ff.).
Josef trägt in einem Korb zwei kleine Tauben, die als Opfergabe für ärmere Familien vorgeschrieben waren. Nicht zufällig sind – durch eine Säule voneinander getrennt – zwei Vierergruppen dargestellt. Dadurch soll zum Ausdruck gebracht werden, dass mit Maria und Josef sowie zwei begleitenden Frauen, von denen eine eine Kerze trägt (eigentlich ein Taufsymbol), der Beginn des neuen Bundes symbolisiert wird. In der rechten Gruppe mit Simeon hingegen wird der alte Bund dargestellt. Dass insgesamt acht Personen gezeigt sind, ist ebenfalls bedeutungsvoll: Es verweist auf den „achten Tag“, den Tag der Auferstehung Jesu.
Wolfgang Acht
An der Spitze des Altars steht eine große, beflügelte Figur des Erzengels Michael. Schon sein Name weist ihn als Gottesknecht aus: „Micha“ ist mit dem Gottesnamen „El“ verbunden und bedeutet „Wer ist wie Gott?“. Michael gilt als Fürst der himmlischen Heerscharen und als Beschützer der Kirche Christi. Er führt den Kampf gegen alle gottfeindlichen Mächte, bezwingt den Drachen als Sinnbild des Bösen und bezeugt, dass allein Gott Ehre und Verehrung gebühren. Bereits früh wird Michael – in Anlehnung an das Buch Genesis (Gen 3) – als Hüter des Tores zum Paradies dargestellt. Nach kirchlicher Tradition kommt ihm zudem die Rolle des „Seelenwägers“ am Tag des Jüngsten Gerichts zu, wie sie in zahlreichen Weltgerichtsdarstellungen sichtbar wird. In den Visionen des Prophetenbuches Daniel erscheint Michael außerdem als „Schutzengel Israels“. Zahlreiche Überlieferungen berichten von Erscheinungen des heiligen Michael an verschiedenen Orten. Eine der bekanntesten führt nach Rom, wo im 5. und 6. Jahrhundert eine verheerende Pestepidemie etwa die Hälfte der Bevölkerung das Leben kostete. Der Erzengel soll schließlich auf die Fürsprache von Papst Gregor dem Großen (590–604) auf der Spitze des Mausoleums des Kaisers Hadrian erschienen sein. In der Folge erhielt das ursprünglich römische Grabmal, das im frühen Mittelalter zu einer Festung ausgebaut wurde, den Namen „Engelsburg“. Noch heute krönt eine große Bronzestatue des Erzengels mit gezogenem Schwert das Bauwerk. Im 9. Jahrhundert erklärte Kaiser Karl der Große den heiligen Michael zum Patron seines Reiches. Dieses Patronat wirkt bis in die Gegenwart nach und hat sich unter anderem im Ausdruck „der deutsche Michel“ erhalten.
Wolfgang Acht